23.10.2006
Schmerzbewältigung in verschiedenen Kulturen
Ärzte müssen sich auf fremdländische Patienten einstellen
Wenn der türkische Patient auf die Frage, wo es weh tut, klagt, ihm tue alles weh, er sei schließlich krank, kann das den deutschen Arzt leicht überfordern. Unterschiedliche Kulturen gehen mit Schmerz ganz unterschiedlich um. Wie sie das tun, hat PD Dr. Norbert Kohnen (Universität Düsseldorf) untersucht. „Der Umgang mit Schmerz ist abhängig von der Kontrollüberzeugung“, so sein Fazit beim Deutschen Schmerzkongress. Während Deutsche, Nordeuropäer und Amerikaner Rat beim Fachmann suchen und sich davon individuelle Kontrolle über den Schmerz erhoffen, sind die Menschen in Mittelmeerstaaten mit der Überzeugung aufgewachsen, nur die Familie könne helfen. Sie äußern ihren Schmerz daher ganz anders. „Deswegen ist bei der Untersuchung ausländischer Patienten eine transkulturelle Kompetenz gefordert“, so Dr. Kohnen. „Nimmt der Arzt auf diese Unterschiede keine Rücksicht, sind Stress und Hilflosigkeit die Folgen, die wiederum mit erhöhter Schmerzempfindlichkeit einhergehen.“ mehr...(PDF)
12.10.2006
Morphin und andere Opioide: Abhängigkeit und Toleranz untersucht
Förderpreis für Schmerzforschung an Magdeburger Forscher
Wie und warum Opioide, zu denen auch das Morphin gehört, bei chronischer Gabe zu einer Opiattoleranz führen und ob sich das verhindern lässt, haben Magdeburger Pharmakologen um Dr. Thomas Koch untersucht. Sie fanden heraus, dass unterschiedliche Opioidsubstanzen in unterschiedlicher Art und Weise an ein und demselben Rezeptortyp wirken können: Bei einigen Opioiden, so auch bei Morphin, werden die Rezeptoren während einer Langzeitbehandlung ausgeschaltet und bleiben auf Dauer inaktiv – eine erhöhte Toleranz ist die Folge. Bei anderen Substanzen werden die Rezeptoren internalisiert, in reaktiviertem Zustand wieder in die Membran eingebaut („recycelt“) und stehen wieder neu zur Verfügung - dieser Mechanismus wirkt einer Toleranz entgegen. Für ihre Studie wurden die Forscher mit dem diesjährigen, mit 3500 Euro dotierten, zweiten Preis der Kategorie Grundlagenforschung des Förderpreises für Schmerzforschung ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich vergeben von der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. Stifterin ist die Grünenthal GmbH (Aachen).
12.10.2006
Studie: Schmerz bei krebskranken Kindern
Förderpreis für Schmerzforschung am Vodafone Stiftungsinstitut für Kinderschmerztherapie und Palliativmedizin
Die gute Nachricht, dass drei Viertel aller krebskranken Kinder in den Industrienationen heute auf Dauer geheilt werden können, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die betroffenen Kinder eine Menge durchmachen müssen: Eine Studie von Medizinern der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln hat ergeben, dass über die Hälfte der Kinder als Nebenwirkung der Therapie unter Schmerzen litten, 45% gaben an, in den vergangenen vier Wochen sehr starke bis maximale Schmerzen gehabt zu haben. Für ihre Untersuchung wurden die Dattelner Forscher um PD Dr. Boris Zernikow und Ulrike Meyerhoff beim Deutschen Schmerzkongress in Berlin mit dem mit 3500 Euro dotierten zweiten Preis in der Kategorie Klinische Forschung des Förderpreises für Schmerzforschung 2006 ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich vergeben von der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. Stifterin ist die Grünenthal GmbH (Aachen).
14.06.2006
Palliativmedizin in die Approbationsordnung: DGSS begrüßt Vorstoß
Aber: Ohne Schmerztherapie sinnlos
Die Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. (DGSS) begrüßt die Initiative Niedersachsens im Bundesrat, die Palliativmedizin verbindlich als Pflichtfach in der Approbationsordnung für Ärzte festzuschreiben. „Allerdings ist das sinnlos, wenn nicht gleichzeitig die Schmerztherapie in die Liste der Pflicht- und Prüfungsfächer aufgenommen wird“, schränkt Prof. Dr. Michael Zenz, Präsident der DGSS, ein. „Nur wer die Grundlagen der Schmerztherapie kennt, beherrscht die wesentlichen Voraussetzungen zur Palliativmedizin“, begründet er seine Kritik. Die Gesellschaft fordert, dem Antrag Niedersachsens zu entsprechen und zusammen mit der Palliativmedizin auch die Schmerztherapie in die Approbationsordnung für Ärzte aufzunehmen.
mehr...(PDF)
15.02.2006
DGSS-Präsident verurteilt Hamburger Sterbehilfe-Vorstoß
Statt Sterbehilfe Palliativversorgung ausbauen
Prof. Dr. Michael Zenz, Präsident der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. (DGSS) hat den Vorstoß des Hamburger Justizsenators Roger Kusch (CDU), Sterbehilfe in Deutschland zu legalisieren, scharf verurteilt. „Das ist eine unsägliche Idee von einem Politiker, dessen Partei auch noch ‚christlich’in Namen trägt“, sagte Zenz. Grund für den vielfachen Wunsch nach Sterbehilfe sei nachgewiesenermaßen eine mangelnde palliativmedizinische Versorgung, von der gerade Hamburg besonders betroffen ist, „ein politischer Fehler“, so Zenz. „Kuschs politische Aufgabe ist es nicht, nach Alternativen für die Versäumnisse in der Palliativmedizin zu suchen, sondern diese Versäumnisse zu beseitigen“, sagte der Schmerzspezialist.
Palliativmedizin ist die Alternative zur Sterbehilfe
Studien belegen eindeutig den Zusammenhang zwischen fehlender palliativmedizinischer Versorgung und dem Wunsch nach Sterbehilfe: Wo schwerkranke und sterbende Menschen adäquat medizinisch und seelsorgerisch betreut werden, von ihren Schmerzen und anderen quälenden Symptomen ihrer Krankheit befreit und mit ihren Ängsten nicht allein gelassen werden, da schwindet der Wunsch nach Sterbehilfe. „Die palliativmedizinische Versorgung ist in Deutschland leider noch nicht flächendeckend, und gerade Hamburg gehört zu den am schlechtesten versorgten Ländern“, so Zenz. Im Hamburg gibt es pro eine Million Einwohner nur 8,2 stationäre Palliativbetten –50 pro Million sollten es sein. „Hier muss die Politik ansetzen: Es liegt in der Hand der Politiker zu sagen, es werden mehr Palliativbetten gebraucht“, unterstreicht Prof. Zenz.
Vorstoß des Hamburger Justizsenators
Roger Kusch plant nach einem gescheiterten Vorstoß für die legalisierte Sterbehilfe im letzten Jahr, nun einen Gesetzesentwurf zur Legalisierung der begrenzten Sterbehilfe einzureichen. Sterbehilfe solle zulässig sein, wenn der Patient über 18 Jahre alt ist, ein dokumentiertes Beratungsgespräch mit einem Arzt über den zu erwartenden Krankheitsverlauf und Alternativen zum Sterben hatte und sein Wunsch nach Sterbehilfe notariell beurkundet ist. „Diesem Plan muss mit allen Kräften widersprochen werden. Die Politik ist gefordert, endlich eine flächendeckende Palliativmedizin zu realisieren“, fordert der DGSS-Präsident.
Ansprechpartner
Prof. Dr. Michael Zenz, Präsident der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V., Klinikum der Ruhr-Universität Bochum, Knappschaftskrankenhaus Bochum-Langendreer, In der Schornau 23-25, 44892 Bochum, Tel. 0234/299-3000, E-Mail: zenz@anaesthesia.de
02.06.2005
Nach dem Schmerz wird nicht gefragt
Neues Krebsregister NRW blendet Kardinalsymptom aus
Über 50 Prozent aller Tumorpatienten leiden im Laufe ihrer Erkrankung an Schmerzen; der Schmerz ist bei den meisten Krebserkrankungen ein Hauptsymptom. Im neuen Krebsregister Nordrhein-Westfalen, das am 1. Juni in Münster seine Arbeit aufgenom-men hat, kommt das Wort Schmerz jedoch nicht einmal vor. „Damit vergibt man sich die große Chance, nicht nur die genaue Häufigkeit von Schmerzen bei Tumorerkran-kungen zu ermitteln, sondern auch einen Bewusstseinswandel bei Ärzten und Patienten zu initiieren“, kritisiert Prof. Michael Zenz, Präsident der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. (DGSS). Der Schmerz werde viel zu häufig als Begleitsym-ptom hingenommen. „Mit dem neuen Register verbessert sich die Lage der Tumor-schmerzpatienten nicht“, ist Prof. Zenz sicher.
Der Arzt fragt alles mögliche, aber nicht nach dem Schmerz
Ab 1. Juni muss jede gesicherte Neuerkrankungen in NRW ans zentrale Register gemeldet werden. Erfragt werden zahlreiche Daten zur Erkrankung, zur Person und zu den Lebensum-ständen des Patienten: Lebt er z.B. in der Nähe eines Sendemasts, einer Chemiefabrik oder eines Atomkraftwerks? „Der Arzt fragt alles mögliche, aber nicht nach dem Schmerz“, so Prof. Zenz. „Mit diesem ansonsten hervorragenden Instrument wird damit eines der Haupt-symptome nicht erfasst.“
Chance vertan Ärzte und Patienten zu sensibilisieren
Dabei biete die Einführung des Registers darüber hinaus die Chance, Ärzte und Patienten für das Problem des Tumorschmerzes zu sensibilisieren. „In 90 Prozent der Fälle ließe sich der Tumorschmerz erfolgreich lindern“, so Zenz, „dennoch sind ein Drittel aller Tumorschmerz-patienten schmerztherapeutisch unterversorgt.“ Viel zu oft nähmen Patienten den Schmerz als zur Krankheit gehörig hin, weil sie nicht wissen, dass es wirksame Mittel dagegen gibt. Ein Viertel der Tumorpatienten redet nicht mit ihrem Arzt über die Schmerztherapie. Auch die Ärzte sind nicht ausreichend informiert: Über 80 Prozent von ihnen greifen nicht auf bewährte und einfache Mittel der Schmerzmessung wie Fragebögen und Skalen zurück.
Ansprechpartner
Prof. Dr. Michael Zenz,
Präsident der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. (DGSS), Knappschaftskrankenhaus Bochum-Langendreer,
In der Schornau 21-23,
44892 Bochum,
Tel. 0234/299-3000,
E-Mail: zenz@anaesthesia.de, http://www.tumorschmerz.de
Bochum, 01.07.2005
Recht auf palliativmedizinische Versorgung festschreiben
Enquete-Kommission will Versorgung Schwerstkranker verbessern
Unter der Leitidee „Menschenwürdig leben bis zuletzt“ hat die Enquete-Kommission Ethik und Recht in der modernen Medizin einen Zwischenbericht zur „Verbesserung der Versorgung Schwerstkranker und Sterbender in Deutschland durch Palliativmedizin und Hospizarbeit“ an Bundestagspräsident Wolfgang Thierse übergeben. Die Kommissionsmitglieder fordern darin unter anderem die gesetzliche Verankerung des Anspruchs jedes Patienten auf Palliativversorgung und die Verbesserung der Ausbildung von Medizinern und Pflegenden in der Versorgung Schwerstkranker. „Die DGSS fordert seit langem eine eindeutige Aufnahme von Palliativmedizin und Schmerztherapie in die Querschnittsfächer, die als Pflichtfächer an den Universitätengelehrt werden“, kommentiert Prof. Dr. Michael Zenz, Präsident der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. „Leider hat die Enquete-Kommission in ihren Vorschlägen aber nur von Palliativmedizin gesprochen. Man darf jedoch Schmerztherapie davon nicht trennen. Wir brauchen eine Veränderung in beiden Bereichen, wir brauchen den Facharzt für Schmerztherapie und Palliativmedizin.“
Zustimmungsbereitschaft zur aktiven Sterbehilfe zurückdrängen
Die Palliativmedizin sei „ein von Respekt vor der Würde und Selbstbestimmung des Menschen geprägter multidisziplinärer Begleitungs-, Behandlungs- und Betreuungsansatz, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Leid zu lindern und ein aktives Leben bzw. eine möglichst gute Lebensqualität bis zum Tod zu gewährleisten, wenn eine Heilung nicht mehr möglich ist“, heißt es in dem Bericht. Die Stärkung der Palliativmedizin und -pflege sehen die Kommissionsmitglieder auch als Möglichkeit, die hohe Zustimmungsbereitschaft der Bevölkerung zur aktiven Sterbehilfe zurückzudrängen. „Palliativmedizin ist die Alternative zur Sterbehilfe. Ohne Palliativmedizin kann es keine wirksame Verhinderung der Diskussion um Sterbehilfe geben“, unterstreicht Prof. Zenz.
Mediziner und Pflegende besser ausbilden
Um die Situation Sterbender zu verbessern, fordert die Kommission u.a. die Freistellung von Verwandten und Freunden zur Begleitung Sterbender (Karenz), die Vernetzung vorhandener Strukturen, den Wissenstransfer der wenigen Fachkräfte der Palliativpflege in das Netz der ambulanten ärztlichen und pflegerischen Versorgung, die flächendeckende Einführung von „Palliative Care-Teams“ und die Einführung der Palliativmedizin als Pflichtfach für angehende Mediziner und Pflegende. Notwendig sei außerdem die gesetzliche Verankerung des Anspruchs jedes Menschen auf eine bedarfsgerechte Palliativversorgung. „Leider sind wir noch zu weit vom Bedarf entfernt“, so Zenz. „Die meisten Universitäten haben keine Palliativmedizin. Die meisten onkologischen Kliniken haben keine Palliativstation im Rücken. Die Forderungen sind ein Anfang, müssten aber noch weiter gehen.“
Weitere Informationen
Prof. Dr. Michael Zenz, Präsident der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. (DGSS), Knappschaftskrankenhaus Bochum-Langendreer, Klinikum der Ruhr-Universität Bochum, In der Schornau 23-25, 44892 Bochum, Tel. 0234/299-3000, E-Mail: zenz@anaesthesia.de
Bochum, 01.07.2005
Recht auf palliativmedizinische Versorgung festschreiben
Enquete-Kommission will Versorgung Schwerstkranker verbessern
Unter der Leitidee „Menschenwürdig leben bis zuletzt“ hat
die Enquete-Kommission Ethik und Recht in der modernen Medizin
einen Zwischenbericht zur „Verbesserung
der Versorgung Schwerstkranker und Sterbender in Deutschland
durch Palliativmedizin und Hospizarbeit“ an Bundestagspräsident
Wolfgang Thierse übergeben. Die Kommissionsmitglieder fordern
darin unter anderem die gesetzliche Verankerung des Anspruchs
jedes Patienten auf Palliativversorgung und die Verbesserung
der Ausbildung von Medizinern und Pflegenden in der Versorgung
Schwerstkranker. „Die
DGSS fordert seit langem eine eindeutige Aufnahme von Palliativmedizin
und Schmerztherapie in die Querschnittsfächer, die als Pflichtfächer
an den Universitätengelehrt werden“, kommentiert Prof.
Dr. Michael Zenz, Präsident
der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. „Leider
hat die Enquete-Kommission in ihren Vorschlägen aber nur
von Palliativmedizin gesprochen. Man darf jedoch Schmerztherapie
davon nicht trennen. Wir brauchen
eine Veränderung in beiden Bereichen, wir brauchen
den Facharzt für Schmerztherapie und Palliativmedizin.“
Zustimmungsbereitschaft
zur aktiven Sterbehilfe zurückdrängen
Die Palliativmedizin
sei „ein von Respekt vor der Würde
und Selbstbestimmung des Menschen geprägter multidisziplinärer
Begleitungs-, Behandlungs- und Betreuungsansatz, der es sich
zur Aufgabe gemacht hat, Leid zu lindern und ein aktives Leben
bzw. eine möglichst gute Lebensqualität bis zum Tod
zu gewährleisten,
wenn eine Heilung nicht mehr möglich
ist“, heißt es in dem Bericht. Die Stärkung
der Palliativmedizin und -pflege sehen die Kommissionsmitglieder
auch als Möglichkeit, die hohe Zustimmungsbereitschaft
der Bevölkerung zur aktiven
Sterbehilfe zurückzudrängen. „Palliativmedizin
ist die Alternative zur Sterbehilfe. Ohne Palliativmedizin
kann es
keine wirksame Verhinderung der Diskussion um Sterbehilfe geben“,
unterstreicht Prof. Zenz.
Mediziner
und Pflegende besser ausbilden
Um die Situation Sterbender zu verbessern,
fordert die Kommission
u.a. die Freistellung von Verwandten und Freunden zur Begleitung
Sterbender (Karenz), die Vernetzung vorhandener Strukturen,
den Wissenstransfer der wenigen Fachkräfte der Palliativpflege
in das Netz der ambulanten ärztlichen und pflegerischen
Versorgung, die flächendeckende Einführung
von „Palliative Care-Teams“ und die Einführung
der Palliativmedizin als Pflichtfach für angehende Mediziner
und Pflegende. Notwendig sei außerdem
die gesetzliche Verankerung des Anspruchs jedes Menschen
auf eine bedarfsgerechte Palliativversorgung. „Leider
sind wir noch zu weit vom Bedarf entfernt“, so Zenz. „Die
meisten Universitäten
haben keine Palliativmedizin. Die meisten onkologischen Kliniken
haben
keine Palliativstation im Rücken. Die Forderungen sind
ein Anfang, müssten
aber noch weiter gehen.“
Weitere Informationen
Prof. Dr. Michael Zenz, Präsident der Deutschen Gesellschaft
zum Studium des Schmerzes e.V. (DGSS), Knappschaftskrankenhaus
Bochum-Langendreer, Klinikum der Ruhr-Universität Bochum,
In der Schornau 23-25, 44892 Bochum, Tel. 0234/299-3000, E-Mail:
zenz@anaesthesia.de
02.06.2005
Nach dem Schmerz wird nicht gefragt
Neues Krebsregister NRW blendet Kardinalsymptom aus
Über 50 Prozent aller Tumorpatienten leiden
im Laufe ihrer Erkrankung an Schmerzen; der Schmerz ist bei den
meisten Krebserkrankungen ein Hauptsymptom. Im neuen Krebsregister
Nordrhein-Westfalen, das am 1. Juni in Münster seine Arbeit
aufgenom-men hat, kommt das Wort Schmerz jedoch nicht einmal
vor. „Damit vergibt man sich die große Chance, nicht
nur die genaue Häufigkeit von Schmerzen bei Tumorerkran-kungen
zu ermitteln, sondern auch einen Bewusstseinswandel bei Ärzten
und Patienten zu initiieren“, kritisiert Prof. Michael
Zenz, Präsident der Deutschen Gesellschaft zum Studium des
Schmerzes e.V. (DGSS). Der Schmerz werde viel zu häufig
als Begleitsym-ptom hingenommen. „Mit dem neuen Register
verbessert sich die Lage der Tumor-schmerzpatienten nicht“,
ist Prof. Zenz sicher.
Der Arzt fragt
alles mögliche,
aber nicht nach dem Schmerz
Ab 1. Juni muss jede gesicherte Neuerkrankungen in NRW ans
zentrale Register gemeldet werden. Erfragt werden zahlreiche
Daten zur Erkrankung, zur Person
und zu den Lebensum-ständen des Patienten: Lebt er z.B. in der Nähe
eines Sendemasts, einer Chemiefabrik oder eines Atomkraftwerks? „Der
Arzt fragt alles mögliche, aber nicht nach dem Schmerz“, so Prof.
Zenz. „Mit diesem ansonsten hervorragenden Instrument wird damit eines
der Haupt-symptome nicht erfasst.“
Chance vertan Ärzte
und Patienten zu sensibilisieren
Dabei biete die Einführung des Registers darüber hinaus die Chance, Ärzte
und Patienten für das Problem des Tumorschmerzes zu sensibilisieren. „In
90 Prozent der Fälle ließe sich der Tumorschmerz erfolgreich lindern“,
so Zenz, „dennoch sind ein Drittel aller Tumorschmerz-patienten schmerztherapeutisch
unterversorgt.“ Viel zu oft nähmen Patienten den Schmerz als zur
Krankheit gehörig hin, weil sie nicht wissen, dass es wirksame Mittel
dagegen gibt. Ein Viertel der Tumorpatienten redet nicht mit ihrem Arzt über
die Schmerztherapie. Auch die Ärzte sind nicht ausreichend informiert: Über
80 Prozent von ihnen greifen nicht auf bewährte und einfache Mittel der
Schmerzmessung wie Fragebögen und Skalen zurück.
Ansprechpartner
Prof. Dr. Michael Zenz,
Präsident der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. (DGSS),
Knappschaftskrankenhaus Bochum-Langendreer,
In der Schornau 21-23,
44892 Bochum,
Tel. 0234/299-3000,
E-Mail: zenz@anaesthesia.de, http://www.tumorschmerz.de
Presseinformation 20. Januar 2005
„Gemeinsam gegen Tumorschmerz“ will
Therapiesituation verbessern
Initiative gegen Tumorschmerzen gegründet
Hamburg. Ein Großteil der Krebspatienten in Deutschland
erhält keine ausreichende Schmerzbehandlung. Nur ein Drittel
wird angemessen behandelt, obwohl dies fast immer möglich
ist. Derart schlecht beurteilte Prof. Dr. Michael Zenz, Präsident
der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes, die Lage
der Tumorpatienten mit Schmerzen anlässlich der Pressekonferenz
zur Gründung von „Gemeinsam gegen Tumorschmerz“.
Die Initiative will erreichen, dass sich die schmerztherapeutische
Versorgung von Tumorpatienten verbessert. „Viele Patienten
glauben noch, Schmerzen gehörten bei Krebs dazu, und sie
müssten sie ertragen,“ so Zenz weiter. „Das
ist falsch, die heutige Medizin kann sie bei über 90 Prozent
der Patienten deutlich lindern.“
Solche Vorurteile zu bekämpfen, ist eines der Ziele der
neuen Initiative. Dazu vereint sie starke Partner: die Deutsche
Gesellschaft zum Studium des Schmerzes, die Deutsche Gesellschaft
für Schmerztherapie, die Deutsche Schmerzliga, die Deutsche
Gesellschaft für Palliativmedizin, das Deutsche Grüne
Kreuz, die Deutsche Krebsgesellschaft und den Krebsinformationsdienst
des Deutschen Krebsforschungszentrums.
Stiefkind Schmerztherapie
„
In Deutschland wird zwar viel für Diagnose und Therapie
des Tumors getan“, so Zenz, „aber wenig für
Diagnose und Therapie der begleitenden Schmerzen.“ Diese
werden auch nicht systematisch erfasst. Das veranschaulicht auch
ein aktueller Gesetzesvorschlag in Nordrhein-Westfalen. Demnach
müssen dort zwar alle Tumorpatienten mitsamt Diagnosen und
Therapien erfasst werden. Nach Schmerzen jedoch wird erst gar
nicht gefragt.
Schmerzen werden oft als Begleitsymptom
ausgeblendet und von den Patienten selber als gegeben hingenommen.
Das bestätigt
auch eine aktuelle Emnid-Umfrage, bei der ein Viertel der befragten
Krebspatienten und Angehörigen angab, mit ihrem Arzt überhaupt
nicht über eine Schmerztherapie gesprochen zu haben.
Dabei existiert mit der Stufenleiter
der Weltgesundheitsorganisation bereits seit 20 Jahren ein
einfaches Schema, das bei 90 Prozent
der Patienten eine effektive Schmerzlinderung erreicht. Je nach
Schmerzstärke erhalten sie in drei Stufen zunächst
einfache Schmerzmittel wie Paracetamol oder Acetylsalicylsäure,
dann so genannte schwach wirksame Opioide (z.B:
Tramadol oder Tilidin) und schließlich stark wirksame
Opioide wie Morphin oder Fentanyl. Patienten und Ärzte müssen
erkennen, dass eine wirksame Therapie einfach möglich und ökonomisch
ist. Die Schmerztherapie müsse fest in die Krebsbehandlung
integriert werden, forderte Zenz. „Kein Tumorpatient darf
heute noch unter unerträglichen Schmerzen sterben.“
Vorurteile sind auszuräumen
Dr. Marianne Koch, Präsidentin der Deutschen Schmerzliga
e.V., schilderte die starke Angst, die eine Krebsdiagnose bei
vielen Patienten auslöse. Diese verhindere völlig die
Einsicht, „dass der Krebs oft heilbar ist und den meisten
noch Jahre weitgehend normalen Lebens bleiben“. Auch Schmerzen
würden dann als unausweichliches Los empfunden. Leider hätten
dies auch viele Angehörige von Patienten so erlebt, so Koch
weiter. Denn teils mangele es auch den Ärzten einfach an
Kenntnis über entsprechende Therapien und es bestünden
Vorurteile gegenüber stärker wirksamen Medikamenten,
wie den Opioiden. „Es ist ein fataler Fehler unseres Gesundheitssystems,
angehenden Ärzten während ihrer Ausbildungszeit keine
Kenntnisse über Schmerzdiagnostik und -therapie zu vermitteln,“ folgerte
Koch.
Auch die Medien trügen Schuld am Fortbestand von Fehlinformationen.
Oft behaupteten sie, Schmerzenlinderung bedeute Lebensverkürzung, „sozusagen
als Preis für eine angemessene Schmerztherapie.“ Dabei
sei eher das Gegenteil der Fall, so Koch. Studien zeigten, dass
die Abwehrkräfte gestärkt werden, wenn der Stress durch
die Schmerzen entfiele.
Schmerz als Herausforderung
Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen
Gesellschaft für Schmerztherapie e. V., versteht Schmerztherapie
auch als Herausforderung für den Hausarzt. Er sei bei Patienten
in späten Krankheitsphasen besonders gefordert, wenn es
um die bestmögliche Linderung von Leiden geht. Dieser so
genannten palliativmedizinischen Betreuung komme enorme Bedeutung
zu, wollen doch 80-90 Prozent aller Menschen zuhause sterben.
Ein Wunsch, der derzeit nur für etwa 25 Prozent in Erfüllung
geht.
Müller-Schwefe erinnerte in diesem Zusammenhang an die
Diskussion um Sterbehilfe: Je besser der Einzelne über die
Möglichkeiten der Palliativmedizin informiert sei, um so
eher lehne er die Legalisierung von Sterbehilfe ab. Wie Koch
fordert er daher in der Ärzteausbildung einen festen Platz
für das Wissen, Leiden bis ans Lebensende lindern zu können.
Als „geradezu grotesk“ empfindet Müller-Schwefe
die derzeitigen Defizite der Lehre: Schmerzbehandlung und Palliativmedizin
würden in der aktuellen Approbationsordnung für Ärzte
nicht verpflichtend geprüft.
Wunsch nach schmerzfreiem Sterben
Die enorme Bedeutung der Schmerzlinderung gerade am Lebensende
betonte Dr. Claudia Bausewein, Vizepräsidentin der Deutschen
Gesellschaft für Palliativmedizin. An Krebs sterben in
Deutschland jedes Jahr über 200.000 Menschen. „Sie
haben große Angst, mit Schmerzen zu sterben,“ so
Bausewein, „dennoch hören viele von ihren Ärzten,
dass nichts mehr für sie getan werden kann.“ Das
sei falsch. Eine kompetente Schmerz- und Symptomlinderung verbessere
die Lebensqualität deutlich. Auch psychosoziale und spirituelle
Aspekte müssten dabei beachtet werden, da sie die Empfindung
von Schmerzen beeinflussen.
Bausewein fordert eine ganzheitliche
Behandlung, die je nach Patientenwunsch sowohl stationär als auch ambulant sein
sollte und Freunde und Familie mit einbeziehen muss. Dazu sei
das Zusammenwirken verschiedener Berufsgruppen nötig: Ärzte,
Pflegende, Sozialarbeiter und Therapeuten.
Sie finden „Gemeinsam gegen Tumorschmerz“ unter www.tumorschmerz.de
auch online.
Presseinformation 20. Januar 2005
Über 82 Prozent
der Tumorpatienten leiden an Schmerzen
Krebspatienten noch immer unterversorgt
Hamburg. Bei einem Drittel aller Tumorpatienten
in Deutschland sind die Schmerzen nicht ausreichend gelindert.
Das ergab eine
aktuelle Emnid-Befragung von 407 Tumorpatienten und ihren Angehörigen
Anfang Januar. Dabei könnten moderne Methoden heute über
90 Prozent der Patienten helfen. Dauerhafte Schmerzen wirken
sich stark auf den Alltag aus. Auch das soziale Umfeld leidet
mit: Fast
ein Viertel verzichtet aufgrund ihrer Krankheit auf Treffen mit
Freunden, 15,5 Prozent sogar auf den Kontakt zur Familie.
Häufig bestehen die Schmerzen bereits vor der Krebsdiagnose.
Trotzdem unterbleibt bei vielen Tumorpatienten eine adäquate
Schmerztherapie und nur ein Drittel erhält Opioide, wie
sie bei starken Krebsschmerzen angezeigt sind. Gerade einmal
21,4 Prozent
der Patienten sind durch eine passende Therapie schmerzfrei.
Schmerztherapie vernachlässigt
Die eigentliche Krebserkrankung wird in Deutschland meist sehr
gut behandelt. Damit verbundene Schmerzen sind jedoch noch
immer zu selten ausreichend versorgt. Zwar wird über die Hälfte
der Tumorpatienten schmerztherapeutisch betreut, aber es gibt
viele Defizite: 12 Prozent der Befragten erhalten die Schmerztherapie
nur unregelmäßig. 4,9 Prozent erhalten sogar trotz
Nachfrage keine Schmerzbehandlung von ihrem Arzt. Auch die Qualität
der Schmerztherapie erscheint verbesserungswürdig: Die meisten Ärzte überprüfen
die Therapie zwar in Gesprächen mit ihren Patienten. Auf
bewährte Hilfsmittel wie Schmerzskala oder Fragebögen
greifen aber nur wenige zurück (18,5 bzw. 9,9 Prozent).
Einschnitte in Lebensqualität
Krebspatienten leiden nicht nur unter ihrer Tumorerkrankung.
Vor allem die tumorbedingten Schmerzen verhindern zudem häufig,
dass sie wie bisher weiterleben und gewohnten Aktivitäten
nachgehen können. Gerade für Patienten in späteren
Krankheitsstadien ist es wichtig, die wertvolle, ihnen verbleibende
Zeit genießen zu können, um alles wichtige zu regeln.
Mit modernen Medikamenten wären die Schmerzen fast aller
Patienten effektiv zu behandeln. Eine gezielte Schmerztherapie
trägt dazu bei, ein Stück Alltag zurück zu erobern
und wieder aktiv am Leben teilzunehmen.